Podcast: Wegbegleiter zu Gast bei Fair Dogs

Was Psychologie mit Hundetraining zu tun hat und warum gehörlose Menschen in der Hundeerziehung Vorteile haben. 


Tine von Fair Dogs hat mich zu ihrem Podcast eingeladen. Damit aber auch gehörlose Menschen daran teilhaben können, haben wir diese Folge transkribiert. Falls du reinhören möchtest, dann klicke bitte auf diesen Link: https://www.fairdogs.de/podcast/episode/1f633e24/6-pia-celine-delfau-uber-psychologie-im-hundetraining

Und jetzt viel Spaß beim Lesen!


Tine (Fair Dogs): Herzlich willkommen zum Fair Dogs Podcast. Herzlich willkommen zu dieser Reise durch die Welt des fairen Hundetrainings. Ich möchte dich ein Stück begleiten auf deinem Weg; dich inspirieren, motivieren und dir natürlich auch wichtige Informationen an die Hand geben, die du für dein glückliches Leben mit deinem Hund brauchst. Heute begrüße ich Pia-Céline Delfau. Sie begleitet Menschen und ihre Hunde in Form von psychologischem Coaching. Wir wollen heute darüber sprechen, was das eigentlich ist, was der Unterschied zu normalem Hundetraining ist und was Psychologie überhaupt mit Hundetraining zu tun hat. Herzlich willkommen, Pia!

Pia (Wegbegleiter): Hallo! (lacht)

Tine (Fair Dogs): Ich freue mich total, dass du da bist und freue mich auch schon super auf unser Thema. Bevor wir aber tatsächlich zum psychologischen Coaching kommen, wollen wir noch kurz etwas klären, was heute ganz anders ist als in anderen Podcastfolgen. Und es ist für mich auch etwas ganz Neues. Pia, Du bist nämlich gehörlos und wir beide nehmen jetzt hier gerade einen Podcast auf – wie passt das zusammen?

Pia (Wegbegleiter): Ja, das ist eine sehr berechtigte Frage und es ist eine Frage, die ich öfter gestellt bekomme und die ich nie schlimm finde! Ich freue mich immer, wenn Leute das fragen, weil es ja tatsächlich etwas ist, was erstmal nicht zusammenpasst. Es passt aber zusammen, weil ich nämlich ein Cochlea Implantat trage, das nennt man auch ein CI. Also ganz kurz, damit man es nachvollziehen kann: Ich bin von Geburt an schwerhörig und hatte dann sehr viele Hörstürze. Und dann bin ich mit 19 Jahren komplett ertaubt und habe ein Cochlea Implantat bekommen. Das wird operiert, also einoperiert, und ist im Grunde genommen eine Prothese. Und damit habe ich das Hören komplett neu erlernt. Das bedeutet, wenn ich es ablege, z.B. nachts, wenn ich schlafe, bin ich nach wie vor komplett taub, was sehr viele Vorteile hat (lacht). Entscheidend war aber, dass ich vorher bereits Sprache hören konnte. Also das heißt, ich war – ja – schwerhörig. Ich konnte also Sprache akustisch wahrnehmen und deswegen klappt das jetzt mit dem CI auch so gut. Ich bin aber auch mit dem CI nicht hörend, sondern nach wie vor habe ich zum Beispiel, wenn sehr starke Nebengeräusche da sind, Schwierigkeiten etwas zu verstehen. Ich bin auch mit dem CI quasi schwerhörig. Aber wenn ich mir alles gut einrichte und meine technischen Hilfsmittel habe, dann klappt das so wie jetzt ganz gut.

Tine (Fair Dogs): Ja, cool. Wir beide sind ja jetzt gerade über Zoom verbunden, das heißt, wir sehen uns. Aber ich gehe mal davon aus, dass du bei der Bildqualität jetzt wahrscheinlich nicht viel davon hast, mich reden zu sehen, also, dass das kein großer Vorteil ist. Wie machst du das, dass du mich jetzt gerade gut hören kannst? Du hast ja spezielle Kopfhörer, richtig?

Pia (Wegbegleiter): Ja, genau. Ich hab wirklich riesengroße Kopfhörer. Ursprünglich waren das mal welche, die ich mir geholt habe, weil ich damit tatsächlich auch den Bass spüren kann und die sind halt so, dass sie einfach wirklich gut das Mikro von meinem CI erreichen. Und auf der anderen Seite hab ich noch ein Hörgerät, da habe ich nämlich noch ein ganz, ganz bisschen Gehör rechts. Aber tatsächlich ist die Bildqualität gar nicht so schlecht bei Zoom, also das heißt dein Mundbild sehe ich durchaus und ich kann es mir durchaus auch zu Hilfe nehmen. Aber ich hab dich tatsächlich ja schon so oft sprechen gehört, weil ich dich in anderen Podcastfolgen sprechen gehört habe, und du hast einfach eine sehr, sehr klare Aussprache. Also ist es tatsächlich sehr angenehm, dich zu verstehen.

Tine (Fair Dogs): Das ist natürlich praktisch, super! Wir haben ja auch nochmal drüber gesprochen: Eine letzte Sache noch zu diesem ganzen Organisatorischen, weil es ja auch irgendwie total spannend ist und ich freue mich auch, dass du mich auf das Thema so aufmerksam machst: Wir wollen ja diese Folge auch für Menschen zugänglich machen, die jetzt nicht zuhören können. Das heißt, wir wollen ein Transcript zur Verfügung stellen und werden das entweder in Form eines ja wirklich Wort-für-Wort-Transkriptes tun, wenn wir das wirklich hinbekommen (lacht), wir müssen mal schauen, wie wir das schaffen, aber zumindest in Form eines Blogartikel, damit die Inhalte zumindest zur Verfügung gestellt werden. Und das werden wir in den Shownotes definitiv verlinken. D.h. für alle, die diese Folge jetzt hören: Ihr könnt jetzt schon auf den Link in den Shownotes klicken und dieses Transkript oder den Blogartikel aufrufen und dann gern mit Menschen teilen, von denen ihr wisst, dass sie davon profitieren können. Also wie gesagt, ich freue mich. Danke Pia, dass du mich darauf aufmerksam machst. Und es ist ja auch ein total spannendes Thema, wenn es ums Hundetraining geht. Denn als Gehörlose hast du ja wahrscheinlich einen ganz anderen Blick – im wahrsten Sinne des Wortes – darauf. Was ist da so besonders? Was ist anders im Training, wenn man gehörlos ist?

Pia (Wegbegleiter): Also bevor ich in das Thema einsteige, damit man nachher nicht verwirrt ist, wollte ich noch eine ganz kleine Info geben: Und zwar ist es nämlich so, dass viele gehörlose Menschen sich lieber als taub bezeichnen, weil sie das Wort gehörlos als defizitär ausgerichtet wahrnehmen, was ja auch so ist. Ich kenne aber wiederum auch Menschen, die sich selbst trotzdem eher als gehörlos, als als taub bezeichnen. Deswegen spreche ich immer mal von taub und mal von gehörlos. Was mir aber wichtig ist, weil ich diese Frage nämlich auch immer wieder kriege, es ist bitte nicht zu verwechseln mit taubstumm. Taubstumm ist tatsächlich eine Beleidigung, weil das im Grunde genommen ja besagt, dass der Mensch keine Sprache hat. Aber das haben gehörlose Menschen ja. Es gibt ja ganz viele nationale Gebärdensprachen und in unserem Fall hier, also jetzt hier in Deutschland, ist dann eben die Deutsche Gebärdensprache vorrangig, es gibt nämlich auch in Deutschland dann nochmal verschiedene, die dann gesprochen werden. Also, dass man sich nicht wundert, wenn ich ab und zu von taub spreche, weil viele gelernt haben: „Taubstumm, das sagt man nicht!“ und dass man dann nicht irritiert ist. Genau, aber um auf deine Frage zurückzukommen: Was ist anders im Training für Gehörlose? Tatsächlich viel weniger, als man wohl vermuten würde. Also klar: Taube Hundehalter:innen kommunizieren mit ihren Hunden in der Regel über visuelle Signale. Oder sie machen Klopfgesten oder andere Signale, mit denen sie Geräusche produzieren können. Und für den Rückruf gibt es ja unzählige Hundepfeifen. Also kann man das quasi einfach auf eine etwas andere Art und Weise, ja, aber ohne großen Aufwand, anders lösen. Allerdings ist es so, dass ich es in meiner Arbeit häufiger erlebe, dass taube Hundehalter:innen stimmlich mit ihren Hunden kommunizieren. Einfach, weil das so vermittelt wird, dass man mit Hunden so kommunizieren muss. Und wenn meine Kund:innen sich damit wohlfühlen, dann können sie das selbstverständlich beibehalten; dann ist alles gut. Aber häufig ist es so, dass es sie eigentlich eher stresst, mit ihren Hunden quasi sprechen „zu müssen“. Und dann besprechen und schauen wir, dass es ja eigentlich sogar eher Vorteile haben kann, rein über visuelle Signale mit seinem Hund zu arbeiten. Und um das mal provokativ und natürlich auch ein bisschen mit einem Augenzwinkern zu sagen: Was auch anders ist: Meine gehörlosen Kund:innen texten ihre Hunde nicht so zu, oder laufen keine Gefahr, sozusagen ganz, ganz viel mit dem Hund zu sprechen. Und es gibt tatsächlich einen ganz wesentlichen Unterschied in meiner Arbeit, in meinem Fall jetzt in der Arbeit mit meinen gehörlosen Kund:innen und meinen hörenden Kund:innen: Und zwar es ist nämlich so, dass der Bedarf an psychologischem Coaching bei den gehörlosen Kund:innen wirklich deutlich geringer ist. Und das liegt einfach auch daran, dass es im Grunde genommen nahezu keine einzige Hundeschule gibt, die ihre Angebote in Gebärdensprache ausrichtet, bzw. ausrichten kann. Und auch sämtliche andere Informationskanäle wie z.B. Podcasts, Seminare, Vorträge sind ja in der Regel nicht barrierefrei zugänglich. Das heißt, Gehörlose haben wirklich einen ganz anderen Wissensbedarf. Sie fangen ja wirklich komplett bei null an als Hundehalter:innen – naja, das wäre ja so, wie wenn den hörenden Personen keine Bücher, keine Podcasts, keine Gespräche mit anderen auf der Wiese und so weiter zur Verfügung stünden. Das heißt da ist einfach ein ganz anderer Bedarf da. Das ist tatsächlich in meiner Arbeit ein Unterschied. Während eben hörende Kundinnen, die zu mir kommen, ja kommen, weil sie die Kombi eben gerne möchten. Wenn sie nur Hundetraining wollen würden, dann würden sie sich wohl eher eine andere Hundeschule suchen.

Tine (Fair Dogs): Und du bist ja selber mit diesem Thema aufgewachsen und hast uns ja auch daran teilhaben lassen, dass das jetzt auch noch Teil deines Lebens ist, auch mit deinen Hunden. Und ich hatte ja schon den besonderen Blick angesprochen. Du sagst auf deiner Website, dass dir quasi eine besondere Beobachtungsgabe mit in die Wiege gelegt wurde, zusätzlich zur Gehörlosigkeit sozusagen, oder – ich weiß nicht – Schwerhörigkeit ist dann eher richtig bei dir, oder?

Pia (Wegbegleiter): Ja, es ist total schwierig. Beides trifft es. Ich definiere mich irgendwie als beides tatsächlich.


Tine (Fair Dogs): Ok, gut. (lacht) Genau. Du hast also quasi beides bekommen und hast wahrscheinlich eine bessere Beobachtungsgabe als andere. Das denke ich mal, ist ja automatisch, weil du mehr beobachten musst. Wie hat sich das denn auf deine Beziehung zu deinen Hunden ausgewirkt und auch auf deine Art des Trainings?

Pia (Wegbegleiter): Also es hat natürlich seinen Ursprung ja auch darin, dass ich gerade so als Kind ganz oft so außen vorstand und dass ich tatsächlich eigentlich überwiegend in einer lautsprachlichen Welt aufgewachsen bin. Ich selber habe die Gebärdensprache dann auch erst mit Anfang 20 kennengelernt oder auch überhaupt gelernt. Vorher hatte ich wenig Kontakt mit anderen Menschen mit Hörbehinderung und mit gehörlosen Menschen. Und das heißt, ich war schon recht viel alleine, so emotional gesehen. Und da habe ich tatsächlich unheimlich viel Zeit mit Tieren verbracht und habe es auch unheimlich entspannend empfunden, weil ich überaus gerne kommuniziere und sehr gerne in Kontakt bin, aber bei Tieren ja nicht akustisch zuhören muss. Und ausgewirkt hat sich das bei mir und meinen Hunden insofern, als dass ich, wenn ich anfangs noch lange nach den für uns richtigen Trainingsansätzen gesucht habt, manchmal das Gefühl hatte, ich sehe was bei meinen Hunden, aber ich kann es nicht einordnen, weil ich das Wissen dazu nicht habe und das, was ich aber sehe und wahrnehme, passte dann auch so gar nicht mit dem zusammen, was mir dann in dem Trainingsansatz vermittelt wurde. Also, dass ich teilweise dachte: Ne, dem Hund geht es nicht gut damit. Oder es ist nicht einfach nur, dass der Hund jetzt diese Grenze sozusagen akzeptiert, sondern er hat gerade keine andere Wahl. Und ich habe diese Dinge gesehen, konnte sie aber noch nicht wirklich sinnvoll für mich verpacken, weil mir das Wissen dazu gefehlt hat. Nur weil ich die Dinge sehen und wahrnehmen kann, heißt es ja noch nicht, dass ich sie in den richtigen Kontext einordnen kann. Das kam dann sozusagen durch meine Hunde; durch das Lernen, durch unzählige Bücher, Seminare, durch meine eigene Ausbildung. Ja, genau.

Tine (Fair Dogs): Ja, super spannend. Also ich finde es ist ein ganz interessanter Teil deiner Geschichte, dass du da Sachen gesehen hast, die hörende Menschen so gar nicht wahrnehmen können, weil sie auf etwas anderes fokussiert sind. Und du konntest aber schon vom Gefühl her einfach sagen: „Ich sehe da irgendwie grad Unwohlsein“ – du hast da ja ganz genau hingeguckt. Das finde ich super spannend und es geht ja auch in beide Richtungen, dass du ja dann wahrscheinlich auch ohne Ton mit deinen Hunden kommuniziert hast. Also eher körpersprachlich. Würdest du sagen, dass da auch nochmal große Unterschiede sind? Also kennen deine Hunde viel mehr Sichtzeichen als andere Hunde?

Pia (Wegbegleiter): Ja, tatsächlich ist bei mir so, dass meine Hunde beides kennen. Also dadurch, dass ich so komplett lautsprachlich ich aufgewachsen bin, ist ja eigentlich die Lautsprache – also die deutsche Lautsprache – meine Muttersprache und die deutsche Gebärdensprache ist im Grunde genommen ja eine Fremdsprache, auch wenn sie mir natürlich sehr nahe ist. Und es hängt tatsächlich sehr davon ab, was und wie ich gerade kommuniziere. Also um das zu verdeutlichen: Beispielsweise ist mein Mann auch spätertaubt und hat auch ein Cochlea Implantat. Wenn wir uns unterwegs mal streiten, also irgendwie einen Konflikt austragen, dann gebärden wir tatsächlich ausschließlich und verwenden keine Stimmen. Während wenn ich mich gerade über etwas sehr freue und gerade emotional sehr angenehm aufgewühlt bin, dann spreche ich tatsächlich auch sehr viel während ich gebärde. Dieser Mischmasch ist aber für meine Hunde tatsächlich völlig normal, weil ich tatsächlich zumindest immer darauf achte, dass ich beides dann auch für sie nachvollziehbar verknüpfe. Das heißt, sie kennen es, dass ich vielleicht mal nur spreche, sie kennen es aber auch, dass ich nur Sichtzeichen verwende und sie kennen auch die Kombi. Und da gehen sie tatsächlich auch sehr souverän mit um. Sie kriegen es ziemlich gut hin beides miteinander zu verknüpfen.

Tine (Fair Dogs): Ja, und das gilt ja auch universell eigentlich für hörende Menschen, dass auch wir mit Sichtzeichen kommunizieren, manchmal bewusst, manchmal unbewusst und einige Sachen mit Worten aufbauen oder einfach nutzen. Und du hast gerade gesagt dir ist wichtig, dass du beides sinnvoll verknüpfst. Das finde ich, ist ein total toller Punkt, weil das ja für alle gilt. Das ist für alle Hunde wichtig, dass wenn irgendeine Form von Signal kommt, sei es jetzt ein Handzeichen oder eben ein Wortsignal, dass das aufgebaut wurde, verknüpft und belohnt wurde. Dass der Hund weiß, was damit gemeint ist und das einordnen kann. Finde ich einen ganz spannenden Punkt. Ich mache das auch super gerne im Training, dass so eine Signalliste angefertigt wird, auf der man genau aufschreibt: Das ist das Wortsignal, das ist das Sichtsignal und dieses Verhalten gehört dazu. Und was da ganz oft passiert ist, dass man überrascht ist – also erst einmal sind es am Anfang meist wenige Signale, die da drauf stehen, weil die Menschen sich gar nicht bewusst sind, was sie alles nutzen. Und dann fällt ihnen auf: „Ach so, aber ich sag ja auch noch das, wenn ich das meine“ und „Ja, das bedeutet eigentlich das Gleiche wie das“ und „Welches Verhalten jetzt dazu genau gehört, weiß ich jetzt auch nicht ganz sicher“. – und da kommt dann ganz oft die Erkenntnis: „Ah, ok, es wäre vielleicht sinnvoller, wenn ich mir für ein Verhalten, ein konkretes, Sichtzeichen und ein konkretes Handzeichen überlege, damit mein Hund einfach genau weiß, was gemeint ist“ und dann sich auch bewusst zu werden, wie man körpersprachlich agiert und damit meine ich definitiv nicht bedrängend, sondern allgemein wie ich mich bewege, was ich da alles noch für Signale habe, die ich schon nutze, derer ich mir aber nicht bewusst bin, wo ich dann irgendwie mit der Hand irgendwo hin zeige oder mich auf eine bestimmte Art und Weise bewege. Und für meinen Hund ist das schon zu irgendeinem Signal geworden oder ich nutze es, obwohl ich es nicht aufgebaut habe. Also solche Sachen finde ich ganz toll, wenn man sich das bewusst macht und ich finde das ist eine wichtige Sache, die du da erwähnt hast, die für dich persönlich wichtig ist, die aber eigentlich wirklich auf alle zutrifft. Und auch da würde ich wieder sagen: Ich habe den Eindruck, wenn du das so erzählst, dass das ein gewisser Vorteil von deiner Seite ist, dass du dir dessen mehr bewusst bist als andere Menschen, weil du das nochmal ganz genau auf dem Schirm hast: „Okay, das ist jetzt ein Sichtzeichen, das es jetzt ein Wortsignal.“ Ja, das hast du einfach mehr auf dem Schirm, oder?

Pia (Wegbegleiter): Ja, also was ich tatsächlich unheimlich gerne mache in der Arbeit ist, dass ich filme. Also beispielsweise wenn wir Fährtensuche machen und ich die Teams anleitete, dann ist da so viel, was man sehen kann, aber auch so viel, was man vielleicht bei den Umständen am Anfang eben noch nicht sehen kann, weil man ja vielleicht noch am Anfang des Lernprozesses steht. Und gerade bei den visuellen Signalen kann ich häufig aufzeigen, dass da vielleicht auch etwas missverständlich ist, also dass das Sichtsignal in der einen Woche bei dem einen Termin so gegeben wird, beim nächsten Termin schon wieder ganz anders. Und du siehst dann wirklich wie die Hunde dastehen und denken „Was genau? Ich würde echt gerne, aber ich weiß nicht so richtig hundert Prozent.“ Und der Mensch daneben: „Siehst du, jetzt will sie echt nicht!“ und dann kann ich sagen: „Ja, Moment mal. Komm, ich hab grad mal auf Stopp gedrückt und wir gucken uns das Video an. Da liegt einfach ein Missverständnis vor.“ Sich einfach auch seiner eigenen Körpersprache bewusst(er) zu werden ist wichtig, weil das ja auch dabei hilft zu reflektieren, wenn ich mich bewege kommuniziere ich unter Umständen ja etwas, was ich vielleicht gar nicht möchte. Baue ich unter Umständen in bestimmten Situationen Druck auf, oder bin ich für meinen Hund tatsächlich einfach gerade unangenehm und ich merke es einfach selber gerade nicht, weil mir dafür gerade einfach die Wahrnehmung für fehlt. Und das einfach zu sensibilisieren – das finde ich immer ganz spannend.

Tine (Fair Dogs): Ja, ich glaube, wir müssen nochmal eine extra Folge zum Thema Körpersprache aufnehmen (beide lachen). Ich merke schon, das ist was, da haben wir noch ein bisschen Austauschbedarf. Super spannend, ganz toll. Für heute haben wir uns aber auch vorgenommen, auf dein Herzensthema einzugehen und zwar das psychologische Coaching. Ich hab’s am Anfang schon angesprochen, du hast es auch kurz erwähnt. Und jetzt sind wir grade schon so richtig ins Thema Hundetraining eingestiegen. Und da liegt ja eigentlich die Frage auf der Hand Was ist denn jetzt der Unterschied? Du bietest psychologisches Coaching an und hast gerade auch beschrieben: „Ja und dann machst du das bei der Fährtensuche…“ Und das ist ja ganz eindeutig unter Hundetraining zu verbuchen. Was ist denn jetzt der Unterschied zwischen den beiden Sachen?

Pia (Wegbegleiter): Also es ist so, ich biete ja beides an. Und das Angebot geht auch in der Regel Hand in Hand. Also ich habe ganz, ganz selten mal Leute, die zu mir kommen und sagen sie möchten nur Hundetraining haben und wo ich sagen kann: Das kann ich nachvollziehen. Ich finde, das Angebot reicht für euch, also ist das für euch passende sozusagen. In der Regel kommen aber Leute, die das beides in der Kombi wollen. Die Sache ist, dass der Fokus unterschiedlich ausgerichtet ist. Also das heißt, manchmal ist es ja so, dass der Mensch sich selbst und damit auch seinem Hund im Weg steht. Und dann kommt man halt im Training nicht über einen bestimmten Punkt hinaus. Also häufig ist es so, dass nicht nur die Hunde ganz starke Verhaltensmuster entwickelt haben, sondern auch die Menschen. Und das kann dann einfach für beide unheimlich belastend sein. Also man muss ja auch dazusagen, zu mir kommen in der Regel Menschen oder Mensch-Hund-Teams, wo schon ganz, ganz starker Leidensdruck ist. Also das ist glaube ich generell im Hundetraining so, dass wir Hundetrainer:innen immer mit Problemen oder Entwicklungsaufgaben, um das mal positiver zu formulieren, konfrontiert sind und die Menschen dabei begleiten, das mit ihrem Hund zu lösen. Ja, aber es ist halt eben so, dass der Mensch ja sozusagen sich auch weiterentwickeln muss, und sei es einfach nur an seiner Körpersprache zu arbeiten. Genau und das ist eben das, was ich dann mache und es sieht dann auch so aus, dass ich mit den Leuten auch vorher verabrede, dass ich zum Beispiel, wenn wir mehrere Stunden vereinbaren, sage: Lass uns mal besprechen: Wie viele Stunden Einzelcoaching in Form von Hundetraining wollen wir machen und wie viele Stunden psychologisches Coaching? Und ganz oft ist es auch so, dass ich beim psychologischen Coaching sage: Wenn du kannst, wenn es keinen Stress für den Hund ist, lass ihn beim psychologischen Coaching bitte zuhause, weil es unter Umständen entweder sehr emotional werden kann und das für die Hunde sehr anstrengend sein kann, weil wir dann halt in meinem Coachingraum sitzen und der Hund kann sich ja nicht entziehen, es ist ja nicht sein Zuhause. Er ist dann vielleicht auch etwas gestresst, weil der Mensch aufgewühlt ist oder der Mensch ist dann abgelenkt, weil er die ganze Zeit zu seinem Hund sagt: Ne, komm mal hier hin und wieder auf die Decke und ist eben aufgeregt. Und da geht es dann wirklich ganz explizit um den Menschen. Aber im Kontext mit seinem Hund. Also wenn es dann zum Beispiel so ist, dass wir feststellen: Oh okay, das geht noch tiefer und das hat letztlich gar nicht mehr viel mit dem Hund zu tun, dann spreche ich das auch ganz klar aus und sage: Pass auf, das können wir mit dem Coaching nicht mehr auffangen, da würde ich dir vielleicht eine Therapie ans Herz legen, oder da würde ich dir eine andere Form von Coaching ans Herz legen, wenn du es möchtest. Das sind ja immer nur Vorschläge, ich zeige einfach andere Möglichkeiten auf und was die Menschen davon dann mitnehmen, das ist ihre Entscheidung.

Tine (Fair Dogs): Ich musste gerade bei deiner Erzählungen dran denken, dass der Unterschied sehr groß ist, wie gut man die Menschen erreicht. Beim Online-Training im Vergleich zum Training vor Ort und zwar interessanterweise finde ich, dass man diese Themen, die eben tiefer gehen, die, wo es um Emotionen geht, um Verhaltensmuster, die der Mensch sich angeeignet hat, auch um – ja vielleicht -Abwehrmechanismen oder solche Sachen, dass man die im Online-Training so viel besser besprechen kann, weil der Hund meistens entspannt irgendwie daneben auf der Couch liegt oder so, weil es eben in der gewohnten Umgebung ist. Und sobald man draußen ist, ist der Fokus sehr stark auf dem Hund und dann kommt irgendwo eine Ablenkung und dann wird es schwieriger. Aber, dass das du grad meintest den Hund zuhause lassen, ist ja eigentlich das Äquivalent zu man macht das online und der Mensch und der Hund sind in ihrer gewohnten Umgebung. Ich finde es auch super wichtig und genau wie du sagst, die Menschen die kommen und die Menschen die jetzt zuhören, die wissen das wahrscheinlich und kennen das sehr gut von sich selbst, dass man an manchen Tagen einfach echt fertig ist mit den Nerven, wenn man eine Herausforderung mit dem Hund hat, die immer und immer wieder auftaucht. Wenn es um das Thema Spaziergang geht, dann ist man bei jedem Spaziergang damit konfrontiert. Wenn es ein Thema ist, was zuhause stattfindet, dann irgendwie rund um die Uhr, wenn man drinnen ist. Und das kann echt an den Nerven zehren. Und da, ja da haben wir Menschen so unsere Mechanismen, mit solchen Sachen umzugehen und sich dem dann zu stellen. Sich Hilfe zu suchen ist einerseits total wichtig, aber andererseits natürlich auch total schwer. Und da liegt es dann an uns Hundetrainer:innen oder wie bei dir jetzt im psychologischen Coaching, sowas aufzugreifen, aufzufangen und dann einen Ansatz reinzubringen, mit dem man nachhaltig Veränderungen schaffen kann. Das klingt jetzt für manche vielleicht noch abstrakt, weil sie sich denken: „Ja, ok, äh, ich will ja Hundetraining – was ist mit dem psychologischen Coaching?“ Kannst du uns aus deinem Coaching was erzählen? Ein Beispiel, vielleicht irgendwie anonymisiert oder so, dass wir mal so ein Gefühl dafür bekommen, wie das denn bei dir aussieht?

Pia (Wegbegleiter): Ja, ich hab total viele Beispiele. Ich versuche mich mal auf höchstens zwei zu begrenzen. Also ein Beispiel von mir und das andere ist dann so ein Fallbeispiel. Also ein Beispiel ist, dass ich es sehr häufig erlebe, dass Menschen zu mir ins Coaching kommen, weil es vielleicht tatsächlich ein schweren Beißvorfall gegeben hat. Und da ist es häufig eher sekundär für die emotionale Belastung, ob der eigene Hund schwer verletzt wurde oder ob der Hund verletzt hat, das ist natürlich unterschiedlich von den Folgen, das ist klar und von den Ansätzen, aber was es mit den Menschen macht ist häufig tatsächlich spannenderweise ähnlich. Oder aber es gab einfach sehr viele, zwar kleine, aber in der Summe sehr unangenehme, Situationen mit dem eigenen Hund oder mit anderen Hunden. Also es muss ja nicht mal was vorgefallen sein, aber dass die Leute vielleicht einen Hund haben der an der Leine pöbelt und wenn der Hund wirklich jedes Mal völlig ausrastet, wenn er einen anderen Hund sieht und der Mensch dabei ja auch körperliche Schmerzen hat, weil der Hund vielleicht einfach sehr groß und kräftig ist und in die Leine springt, dann lernen auch wir Menschen. Also auch bei uns entstehen dann ja negative Verknüpfungen. Das heißt, wenn wir dann unterwegs sind und sehen einen Hund, dann hat da ja auch bei uns ein Konditionierungsprozess stattgefunden. Wir fangen an zu schwitzen, wir kriegen Stress, manche versteifen sich total. Und dann steht auf der einen Seite in diesen Fällen ganz klar Hundetraining an. Das heißt dann, wie kann der Mensch seinem Hund beistehen, ihm Unterstützung anbieten und ihm freundlich und fair, alternative Verhaltensweisen vermitteln, sodass die Hundebegegnungen keinen Stress mehr verursachen. Und ein Thema ist dann natürlich auch immer: Wie kann man das Training so gestalten, dass der Hund eben auch Selbstwirksamkeit erlebt? Das heißt, dass er sich gut fühlt, dass er mit Freude lernt und dass der Hund sich auch entscheiden kann für bestimmte Verhaltensweisen. Also dass das Team lernt, wie der Stresspegel nicht so hoch kommt und der Hund sich noch entscheiden kann – wirklich einfach so von seinem Organismus her. Die Sache ist aber häufig, dass das schon extrem viel hilft, wenn dann die Menschen merken „O.k. – es gibt andere Möglichkeiten. Ich kann meinem Hund andere Wege aufzeigen“ und das ihren Stress häufig schon mal ganz stark mindert. Und trotzdem ist es oft so, dass die Hunde sich wahnsinnig weit entwickelt haben und die Menschen aber noch ein Bild im Kopf haben, das nicht mehr der Realität entspricht. Also das heißt, der Hund rastet nicht mehr aus. Es kann mal sein, dass es auch mal irgendwie doofe Tage gibt oder mal einen kleinen Aussetzer oder Rücksetzer, aber an sich sind sie wirklich weit gekommen, aber wenn Mensch und Hund in der Ferne einen Hund sehen, dann greift der Mensch sofort nach der Leine und zieht sie hoch. Und das passiert einfach automatisch; das heißt, wenn ich die Person dann anspreche und sage: „Was war das gerade? Was war los? Was ist da passiert?“ dann fragt sie mich wirklich ernst gemeint: „Was denn? Was meinst du denn jetzt? Ich verstehe gar nicht, wovon du redest.“ Und das sind dann die Fälle, wo wir dann tatsächlich über psychologisches Coaching auch noch beim Menschen etwas verändern können, weil die Sache natürlich ist, dass der Hund wiederum gleichzeitig davon gestresst ist, dass sein Mensch so gestresst ist. Also der Hund sagt sich: „Eigentlich sind doch Hundebegegnungen ganz cool geworden und finde die eigentlich ziemlich nice, weil dann coole Sachen passieren, aber dir gehts irgendwie nicht gut, lieber Mensch! Kriege ich nicht verbastelt – was ist jetzt?“ Genau, und dann hab ich aber auch eher undramatische Fälle. Also kürzlich hatte ich ein Coaching mit einer Person, die mich um Hilfe gebeten hat. Die hat einen Entlebucher Sennennund und der hat anfangs andere Menschen, Hunde und im Alltag ungewöhnliche Dinge, also z.B. eine ganz neue Baustelle immer ganz stark verbellt. Daran hat diese Person mit ihrem Hund dann ganz phantastisch gearbeitet und der Alltag ist auch deutlich entspannter geworden. So, und dann gab es aber ganz, ganz konkrete spezifische Situationen, die zwar nicht sehr häufig auftraten, aber sie traten halt auf. Nämlich dann, wenn die Person unterwegs andere Menschen oder Hunde getroffen hat mit ihrem eigenen Hund, die sich ihr gegenüber sehr übergriffig verhalten haben und sie sich dabei extrem unwohl gefühlt hat. Als Beispiel: Diese Person hatte eine gute Freundin und der Hund von dieser Freundin sprang diese Person dann immer an und zwickte ihr in die Jacke und ließ die Jacke dann auch nicht mehr los. Und dann hat ihr Hund, der Entlebucher Sennenhund, wieder angefangen diesen einen Hund sehr stark zu verbellen. Diesem Mensch-Hund-Team aus dem Weg gehen, war keine Option, weil die Person sie eigentlich sehr gerne mochte und weil sich auch so ein bisschen herausstellte, dass das ein grundsätzliches Thema ist, das die Person auch mal Menschen begegnete, die ihr irgendwie sehr übergriffig irgendetwas an den Kopf geworfen haben, was sie denn so oder so mit ihrem Hund tun sollte und das hat sie dann immer so stark gestresst, dass dann auch der Hund immer wieder anfing diese Menschen zu verbellen. Und die Sache ist einfach, es fiel ihr eben sehr schwer, sich freundlich, aber bestimmt, abzugrenzen. Sie stand dann häufig nur da und hat nichts gesagt. Und an diesem Punkt sind wir dann eben ins psychologische Coaching gegangen. Denn das Verhalten ihres Hundes und ihre eigenen Empfindungen hatten ja eine absolute Daseinsberechtigung. Und dann nur den Hund zu trainieren wäre unfair gewesen aus meiner Sicht, weil das etwas war, was der Hund wirklich nicht anders leisten konnte und wo der Hund sich eigentlich – ja nicht nur eigentlich – sondern er sich ja zutiefst loyal verhalten hat, also er ja im Grunde genommen versucht hat, ihr irgendwie beizustehen oder irgendwie da eine Grenze zu kommunizieren. Leider war das auch eine Art und Weise, die der Halterin natürlich auch Stress verursacht hat, aber was hätte der Hund denn noch anderes tun sollen? Es war dem Hund eben nicht anders möglich. Genau -und dann haben wir daran gearbeitet, wie sie gewaltfrei kommunizieren kann und ihre Grenzen wahren kann. Und ihr Hund hatte dann in diesen ganz konkreten Situationen wiederum nicht mehr das Bedürfnis, den anderen Hund zu verbellen, sondern konnte auch wieder in eine entspannte Interaktion gehen. Was mir wichtig ist an dieser Stelle zu sagen ist: Ich bekomme immer Bauchschmerzen, weil es ja so ein Modetrend ist zu sagen: „Jaja, es liegt alles an dir. Du bist das andere Ende der Leine und du musst einfach nur an dir arbeiten. Und du bist einfach nicht entspannt genug. Wenn du souverän wärst und wenn du das alles könntest, dann gäbe es diese Probleme nicht.“ Und das finde ich ziemlich unfair, weil das ja wiederum auch den Hunden ihre Persönlichkeit abspricht und ihre Lernerfahrung. Das hieße ja, dass Hunde einfach nur kleine Knetmassen sind, die sich komplett danach formen, wie gut du halt kneten kannst. Aber Mensch und Hund beeinflussen sich ja gegenseitig. Ich gehe ja auch nicht mit jemandem ausschließlich in psychologische Coaching. Wenn ein Thema mit dem Hund ist, ist es immer auch erforderlich, mit dem Hund zu arbeiten und dem Hund auch zu helfen und ihm Strategien zu zeigen.

Tine (Fair Dogs): Ja, das finde ich total toll, dass du das nochmal erwähnt hast, denn wie du sagst, das sind teilweise so Modeerscheinungen wie „Du musst dich nur so und so entspannen oder du musst nur das und das machen und dann wird das schon.“ oder die Stimmungsübertragung als Thema. Und da ist immer irgendwo ein Fünkchen dran, wo man durchaus sagen sollte: Ja, das gucke ich mir mal an. Was macht denn meine Stimmung? Was passiert denn, wenn meine Stimmung so und so ist? Wie wirkt sich das aus? Aber es eben nicht in die Schublade Stimmungsübertragung zu stecken, sondern zu sagen: Aha, wenn ich diese Stimmung habe, dann verhalte ich mich so und so. Und das ist für meinen Hund vielleicht unangenehm oder komisch oder neu. Und ja, natürlich verändert sich dann auch sein Verhalten. Das finde ich ganz toll, dass du das dazu sagst. Es ist einfach oft, oder – ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage – es ist immer komplexer als nur zu sagen „Das kommt jetzt in die und die Schublade, entweder was dein Verhalten angeht oder was das Verhalten deines Hundes angeht“, sondern ja, es ist eine komplexe Geschichte und dafür sind wir ja auch da als Trainer:innen. Ich finde das auch immer ganz spannend, da Lösungsmöglichkeiten zu finden. Und du hast das Wort Strategien auch schon erwähnt und das finde ich eine ganz tolle Aufteilung und so ein Bild, was man sich gut vorstellen kann, dass der Hund Strategien braucht für Situationen und der Mensch auch. Und dass ich, wenn ich wieder auf eine Herausforderung stoße und merke „Oh, das fällt mir jetzt wieder schwerer oder es fällt meinem Hund wieder schwerer“, dass ich dann auf diesen beiden Schienen schauen kann: Wo harkt es denn jetzt gerade? Harkt es vielleicht bei mir? Muss ich nur was Kleines verändern? Harkt es bei meinem Hund? Wenn ja, was muss ich dann verändern? Bei mir, bei der Umwelt oder am Setting? Also das finde ich ganz schön, dieses Wort Strategien, weil es einfach zeigt, man hat da etwas an der Hand, was was helfen kann. Und es nimmt diesen Fokus weg von „Ich bin falsch, der Hund ist falsch, ich muss mich verändern“, sondern es ist Teil unseres Alltags, dass wir manchmal auf Herausforderungen treffen. Und wenn wir für diese Herausforderungen eine Strategie haben, dann sind wir gut aufgestellt. So und das kann sich aber auch immer wieder entwickeln und dann kann man nochmal einen neuen Blick drauf werfen. Das finde ich ein ganz tolles Bild und finde das super spannend, was du da erzählt hast. Und ich glaube, dass ich als Hobby-Psychologin (lacht) – das ist so ein furchtbarer Begriff, aber ich beschäftige mich durchaus in meiner Freizeit viel mit dem Thema und habe auch im Rahmen meines Lehramtstudiums zumindest einen ganz kleinen Anteil Psychologie gehabt, was überhaupt nicht zu vergleichen ist mit deinem Wissen, denn du hast ja tatsächlich Psychologie studiert. Aber es macht schon Spaß. Ich glaube, wenn man sich da so ein bisschen reinfuchst, kann man als Trainer:in und auch als Hundehalter:in da sehr viel für sich mitnehmen. Für sich selbst und auch für den Hund und für die Beziehung zueinander. Und trotzdem leuchtet etwas in meinem Kopf gleich so auf (lacht) – also ich muss an so einen Typen denken, dem ich machmal auf Spaziergängen begegne. Das ist so ein älterer Mann und wenn ich mir so vorstelle, dass ich zu dem sage „Hey, psychologisches Coaching, setz dich doch ein bisschen mit deinen Erfahrungen auseinander und mit deinen Strategien und mit deinen Mechanismen (beide lachen) – das würde bestimmt total helfen.“ Da würde der mir wahrscheinlich einen Vogel zeigen und sagen: „Ey hallo Hundetraining, ist ein handfestes Thema, da gibt’s ein handfestes Problem und das braucht eine handfeste Lösung und fertig.“ Wahrscheinlich würde er auch noch sagen „Du musst nochmal auf den Tisch hauen“, aber gut, das ist wieder ein anderes Thema. Aber auch da würde ich wieder sagen, da ist so ein Funken dran, den man sich durchaus mal angucken kann, nämlich dieses Vorurteil „Psychologie ist irgendwie Gefühlsduselei. Und brauch ich das denn jetzt wirklich fürs Hundetraining?“ Da würde ich dich gerne mal so provokant fragen, Pia!? Was soll das denn jetzt hier alles mit der Psychologie? Brauche ich das wirklich? (lacht)

Pia (Wegbegleiter): (lacht) Also das Schöne ist ja, dass wir im Grunde genommen dieses Argument mit der Gefühlsduselei oder „man muss es ja nur so machen und dann läuft das“ exakt so auch immer im Hundetraining erleben. Manchmal wird da übersehen, dass eigentlich ein ganzer wissenschaftlicher Background dahintersteht oder vielleicht auch eben nicht. Und Psychologie ist ja eben keine Gefühlsduselei. Im Grunde genommen setzt sie sich ja zusammen aus Natur- und Geisteswissenschaften. Aber das würde ich so nicht antworten, wenn ich ins Gespräch gehe mit jemandem, der mich auf der Straße anspricht mit: „Hey, was soll das denn?“ Die Sache ist, Du hast vorhin schon etwas gesagt, was ich unheimlich wichtig finde, nämlich dass Beziehungen oder Interaktionen immer sehr komplex sind und d. h. auch die Beziehung zu unseren Hunden sind immens komplex. Das heißt, wie wir Menschen Beziehungen leben, das wird sehr stark von unseren Erfahrungen und unserer Biographie, unserer Persönlichkeit, unserem Gemütszustand und unseren Bewältigungsstrategien beeinflusst. Beispielsweise kannst du einen Hund haben, der mit seiner Umwelt unsicher ist und dann zu angstaggressivem Verhalten neigt. Das bringt den einen Menschen, der dann mit diesem Hund lebt, vielleicht völlig aus der Fassung und verursacht ganz starken Stress und Ängste bei dem Menschen; der Hund könnte ja aber auch bei einer anderen Person landen, die da sehr gelassen mit umgeht und die ganz tiefes Zutrauen, Selbstvertrauen und auch Vertrauen in Entwicklung des Hundes hat. Und es ist ja kein Zufall, dass die eine Person das so empfindet und wahrnimmt und die andere Person ist eben anders empfindet und wahrnimmt. Und manchmal kann es eben hilfreich sein, ganz genau hinzuschauen und sich Unterstützung zu holen, wenn man eben merkt, dass man mit seinem Hund auf eine bestimmte Weise agiert oder Begegnungen und Erlebnisse mit seinem Hund auf eine bestimmte Weise löst, die dem Hund und einem selbst aber nicht guttun und man kommt da aber nicht raus, weil das einfach so tief verankerte Aktionsmuster sind, die man nicht einfach so auflösen kann, indem man sich einfach mal eben entspannt, und es „einfach mal eben bitte anders“ macht. Ja, das heißt, wer schlichtweg Sitz, Platz, Fuß will und sich nicht dafür interessiert, wie es dem Hund geht und sich selber auch nicht reflektieren möchte, der würde wirklich unglücklich werden mit meinem Angebot. Also für den wäre es dann nicht das Richtige. Kann ja sein, dass der Mensch irgendwann an den Punkt kommt, dass er sagt: „Ich glaube, da ist noch was. Und da würde ich jetzt doch mal hingucken.“ Dann würde er sich wahrscheinlich angesprochen fühlen. Und ja, das ist für mich tatsächlich auch voll okay. Es ist einfach so, ich kenne diese Aussage tatsächlich, also das hatte ich mal im Gespräch, dass da Menschen irgendwie sagen: „Hä, findest du das nicht ein bisschen … ist das nicht irgendwie eine Luxusvariante, die du da machst?“ Das kann man so sehen, man kann das aber auch anders sehen und ich denke, dass es andere gibt, für die das Angebot tatsächlich sehr ansprechend ist, wenn sie es möchten. Und es ist tatsächlich einfach immer eine Entscheidung: Was möchte ich? Wie tief möchte ich gehen und was brauche ich auch?

Tine (Fair Dogs): Genau, du hast gerade „Sitz, Platz, Fuß“ angesprochen und das ist, denke ich, genau der Punkt und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich so Spaß dran und Lust auf diese psychologischen Grundlagen habe, wenn ich im Training mit Hund-Mensch-Teams zusammenarbeite, weil ich ja doch eher diese Themen wie „Sitz, Platz, Fuß“ nicht habe, sondern eher eben Hundebegegnungen, Aggressionsverhalten, Angstverhalten, Stress und solche Sachen und da würde ich sagen, gehört es eigentlich automatisch dazu. Also ich kann sicherlich auch als Trainer:in versuchen, stur die Methoden zu vermitteln, aber wie gesagt, ich würde eher sagen, es gehört schon dazu, dass ich mich auch mit den Verhaltensmustern des Menschen beschäftige und für Strategien für beide sorge und ja, mich darauf auch wirklich einlasse und mich auch individuell auf jedes Team einlasse, eben aufgrund dieser Komplexität der Themen. Aber wie du sagst: Sitz, Platz, Fuß geht wahrscheinlich auch ganz gut ohne Psychologie. (lacht)

Pia (Wegbegleiter): Also was mir gerade am Wochenende nochmal so aufgefallen ist: Ich war in einer Weiterbildung und hab da dann einen Vortrag gehalten und was ich finde, was ja auch gerade wieder so ein Trend ist in der Hundeszene, den ich mir aber für die Hundetrainer:innen eher irgendwie belastend vorstelle, ist dass, so wie ich vorhin gesagt habe, ja oft gesagt wird: „Naja, es liegt einfach nur an dem Menschen und der Mensch muss sich einfach nur verändern und seine Persönlichkeit bitte richtig zum Glänzen bringen, dann sei doch alles gut.“ – sowas wird aber häufig gerne auch irgendwie zu Hundetrainer:innen gesagt, nach dem Motto: „Du musst eigentlich gar nicht mit dem Hund arbeiten können. Eigentlich musst du nur richtig gut mit Menschen arbeiten können. Du brauchst ganz viel Wissen was Menschen angeht!“ und natürlich ist das irgendwo auch richtig. Also als Hundetrainer:in muss ich Menschen mögen und gerne mit ihnen arbeiten; wenn ich das nicht gerne mag, dann gibt es vielleicht andere Berufe, die mich glücklicher machen, vielleicht Dogwalker oder ähnliches, wo ich dann ganz, ganz intensiven Kontakt hab mit den Hunden und weniger mit den Menschen. Aber ich finde nicht, dass jetzt alle Hundetrainer:innen unbedingt Coaching anbieten müssen – also wer Bock drauf hat und wer sagt: „Hey, ich finde das total cool. Ich mach noch eine Coaching-Ausbildung obendrauf und ich möchte da noch mehr in die Vertiefung gehen, ich möchte es kombinieren.“: Go for it! Ich glaube, das kann eine richtig tolle Sache sein. Wer aber sagt: „Ne, ich möchte Hundetraining anbieten. Ich möchte beratend in der Hinsicht coachen. Und ich möchte da nicht auf der anderen Ebene einsteigen.“, der leistet ja genauso gute Arbeit. Ich finde nicht, dass das eine besser und das andere schlechter ist, sondern ich finde beide Angebote unheimlich wichtig. Und ich finde, wie gesagt mein Beispiel: Meine ganzen gehörlosen Kund:innen, da ist psychologisches Coaching überhaupt kein Thema, weil da einfach ein ganz anderer Bedarf hintersteht. Und da arbeite ich wirklich rein als Hundetrainerin und das mag ich und das macht mir dann auch Spaß. Also ich finde, dass das manchmal auch auf der Trainer:innen-Ebene irgendwie in letzter Zeit eine Tendenz bekommt nach dem Motto: „Du musst auf jeden Fall irgendwie eine Coaching Ausbildung haben. Du musst dich irgendwie in die Richtung auch noch ganz intensiv fortbilden wollen und müssen.“ und ich finde das überhaupt nicht – man muss das, um einen guten Job als Hundetrainer:in zu leisten, nicht wollen und können.

Tine (Fair Dogs): Ja, finde ich auch ein spannendes Thema. Dieser Druck, der existiert einerseits, wie du sagst, für Hundehalter:innen, da irgendwie schnelle, gute Lösungen zu finden und perfekt zu sein. Und bei den Trainer:innen finde ich es auch nochmal ein spannendes Thema, ganz einfach, weil da ja doch schon Unterschiede herrschen bezüglich der Methoden, die vermittelt werden und ja, schon bezüglich der Arbeit. Von daher stimme ich dir einerseits zu, dass natürlich beides wichtig ist, sowohl diejenigen, die den psychologischen Aspekt aktiv und bewusst mit einfließen lassen, als auch die, die sagen ich beschränke mich auf die Methoden oder eben auf das, was jetzt reines Hundetraining ist. Und andererseits würde ich eben wirklich sagen, gerade bei so einem Thema wie Hundebegegnungen kann man es eigentlich nicht rauslassen, denn du hast ja vorhin so schön beschrieben, dass man dann einfach irgendwann an eine Grenze kommt, an der man sich wundert: „Hä, eigentlich hatten wir das doch jetzt ganz gut bearbeitet. Und jetzt? Entweder sind wir noch auf dem Weg und das Training stagniert an irgendeiner Stelle und ich komme da nicht weiter oder wir sind eigentlich schon am Ziel angekommen und gehen dann doch nochmal einen Schritt zurück und das ist irgendwie komisch!?“ – also da denke ich, gehört es wirklich absolut dazu.

Pia (Wegbegleiter): Ja. Genau, das sehe ich auch so. Aber ich glaube auch, dass das Entscheidende ist, dass man einfach Empathie und das Interesse dafür hat, zu verstehen, was denn bei den Menschen eventuell los ist. Und dass man sich einfach dessen bewusst ist: „Ok, wenn ich etwas anspreche, lostrete oder berühre an Themen, dann muss ich es auch auffangen, wenn sich dann sozusagen bei den Menschen etwas öffnet. Kann und will ich das auffangen?“ Das ist glaub die wichtigste Frage, die man sich einfach stellen sollte, wenn man da noch tiefer einsteigen möchte.

Tine (Fair Dogs): Ja, es ist super, super spannend. Wie gesagt, ich glaube wir beide müssen auf jeden Fall noch eine Folge machen. Mindestens zum Thema Körpersprache. Ich fand es total schön mit dir. Wenn jetzt Menschen, egal ob gehörlose Menschen oder auch andere, die einfach sagen, sie möchten das psychologische Coaching nutzen oder zu dir ins Training kommen: Wo finden die dich denn?

Pia (Wegbegleiter): Also die finden mich entweder ganz klassisch auf meiner Website, aber sie finden mich auch bei Instagram und bei Facebook – und tatsächlich auch bei YouTube. Dann aber eher im Sinne von, dass da vor allen Dingen auch Videos in Gebärdensprache sind. Also so als Medium was ich ganz gerne nutze für gehörlose Kundinnen. Ja, genau.

Tine (Fair Dogs): Ja super. Dann verlinke ich das auf jeden Fall alles in der Folgenbeschreibung, damit die Leute dann gerne mit dir Kontakt aufnehmen können, wenn sie das möchten. Und dann würde ich dir gerne noch eine Frage stellen. Ich hab die jetzt noch ein bisschen abgewandelt. In den letzten Folgen hab ich mir überlegt, ich möchte gerne am Ende so eine Frage stellen, die einerseits einheitlich ist, aber andererseits eben ganz individuell beantwortet werden kann. Und ich hab mir jetzt überlegt, es ging in den letzten Folgen dann immer um eine Plakatwand, die auf dem Alexanderplatz steht und da darf man was drauf schreiben, was dann alle lesen könne. Und ich möchte das jetzt nochmal ändern. Und zwar ist das jetzt eine Plakatwand oder einfach so ein großes Schild an allen Hundeplätzen, Freilaufflächen, überall wo sich Hunde und Halter:innen tummeln – da steht jetzt dieses Schild und du darfst entscheiden für die nächste Woche, was da drauf steht, also was du den Hundehalter:innen mitgeben möchtest. Egal ob es jetzt in Richtung psychologisches Coaching geht oder einfach nur so ein Alltagstipp oder ein Gedanke oder eine Inspiration ist oder ganz konkret fürs Hundetraining. Hast du da was im Kopf oder im Bauch wo du sagst: „Das muss raus! Das hätte ich gerne, dass das einmal alle lesen.“

Pia (Wegbegleiter): Finde ich lustig, dass du das sagst, weil ich habe tatsächlich so ein Bild, was meine Grafikdesignerin für mich bearbeitet hat. Das ist ein Bild von meiner Hündin und das sieht ähnlich aus wie ein Plakat. Da steht tatsächlich ein Satz drauf, der sozusagen ein Herzenssatz von mir ist. Also ich wüsste schon sofort, wie dieses Plakat dann mit welchem Hund bebildert ist und so weiter. Da steht drauf: „Beziehung und Erziehung – Wissen mit Intuition verbinden.“. Das klingt vielleicht erst mal sperrig, aber was ich eigentlich damit sagen will, ist, dass ich es sehr oft im Training habe, das Menschen vielleicht das Wissen noch nicht haben, aber dass sie intuitiv spüren, dass es entweder ihrem Hund gerade guttut oder eben nicht guttut. Und häufig der Intuition, aber nicht so sehr nachgeben, weil sie sagen: „Naja, ich bin ja nicht die Expertin. Der oder die Hundetrainer:in sind ja die Experten!“ und das finde ich immer brandgefährlich, wenn man sagt, man tut etwas gegen sein Bauchgefühl, weil eine Person, eine vielleicht vermeintliche Expertin oder Experte etwas sagt, was man tun soll. Und da finde ich es wichtig, auf sich selber zu hören und dann auch unter Umständen zu sagen: „Ich mache das nicht so, weil das für mich nicht stimmig ist.“

Tine (Fair Dogs): Ja, toll. Sehr schön. Das war ja wie vorbereitet. (lacht)

Pia (Wegbegleiter): Ja, total (lacht) Ich war auch gerade total überrascht, wie perfekt das irgendwie schon zu diesem Bild passt, welches ich hatte.

Tine (Fair Dogs): (lacht) Also, du wärst auf jeden Fall bereit, wenn du jetzt sofort aufstehen müsstest und dein Plakat überall draufkleben müsstest: Du hättest auf jeden Fall gleich etwas parat. Sehr schön. Ja, das freut mich. Pia, ich freue mich ganz doll, dass du da warst und ich freue mich auf unsere nächste Aufnahme. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich würde dir gerne noch den letzten Satz überlassen.

Pia (Wegbegleiter): Ja, vielen, vielen Dank, dass du mich eingeladen hast. Das war meine allererste Podcastfolge, bei der ich mal mitsprechen – ja, also überhaupt mal mitwirken durfte und das hat total viel Spaß gemacht. Mir haben deine Fragen tatsächlich auch Spaß gemacht, also es war sehr spannend – auch für mich. Vielen Dank dafür.

Tine (Fair Dogs): Sehr schön! Dann bis zum nächsten Mal. Mach’s gut. Tschüss!

Pia (Wegbegleiter): Bis dann!


Tine (Fair Dogs): Ich freue mich, dass du reingehört hast und jetzt kannst du deinem Hund noch einen Keks geben, damit er dich beim nächsten Mal dran erinnert, dass du den Fair Dogs Podcast wieder hören sollst. Und denk dran, bleib fair im Training mit deinem Hund und bleib fair mit dir selbst.

 

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